Dienstag, 24. März 2020

Tag 9: Pilzzuchtbelehrung


Anfang der Woche habe ich wohl immer ein Motivationsproblem. Leider weiß ich inzwischen nicht mehr, welchen Wochentag wir haben und somit auch keine Ahnung, wann der Anfang der Woche vorbei ist. Es ist nicht nur so, dass ich nicht besonders viel für die Arbeit mache, ich mache generell nicht viel. Andererseits wundere ich mich immer, wie schnell die Zeit vergangen ist und das ist ja nicht unbedingt schlecht.

Wir haben nun genug Osterhasen, sodass wir erst mal nicht mehr einkaufen müssen.

Die Kresse wächst weiter!

Ich habe mich entschieden, den Kräuterseitling, der so schön wächst, in meiner Wohnung in einen der leeren Blumentöpfe zu stecken. Ab da ist er auf sich allein gestellt. Dann muss ich nur noch die Agarplatte verarbeiten. Damit könnte ich weitere Körner beimpfen, aber fürs erste werde ich nur versuchen, etwas vom Agar auf eine neue Platte zu verfrachten. Damit kann der Pilz weiter Myzel bilden und ich hab mehr Zeit und Platz. Daheim bei meinen Eltern habe ich auch Pilzagar stehen. Um den kümmert sich meine riesige kleine Schwester (hoffe ich). 
guter Pilzagar

Schön, aber kein Pilz

Pilzagar kann man ganz einfach selbst machen, indem man Kartoffeln kocht, zermatscht, abseiht und dann mit 1 TL Agar pro 100 mL aufkochen. Wenn der Agar am Rührbesen klebt, braucht man mehr Flüssigkeit. Alles gut durchkochen und dann in Schraubgläser 1 cm dick einfüllen. Es geht auch mit weniger Volumen im Glas, aber ich habe immer mehr Agar als mir lieb ist. Den Agar kann man dann mit einem Stückchen Speisepilz animpfen und wenn man Glück hat und halbwegs steril arbeitet, wächst da dann Myzel dieses Pilzes. Ich habe aber auch schon Hefe und Bakterienfilm produziert. Sieht auch hübsch aus. Und wenn das Myzel dann fast am Rand des Agars angekommen ist, kocht man Getreidekörner mit Wasser auf. Die Körner brauchen genug Wasser, damit die Pilze gut reinkommen, aber nicht zu viel. Bei mir ist das ca 1 L Wasser pro kg Körner, aber ich habe auch keinen Dampfdruckkochtopf. Wenn durch das Kochen alles Wasser in den Körnern ist, füllt man die Körner in sterile Gläser ein (sauber auswaschen und ich stell sie dann noch bei 120 °C in den Backofen, bis ich sie verwende). Man füllt die Gläser zu zwei Drittel, damit man noch schütteln kann. Verschlossen wird das Ganze mit den passenden, ausgekochten Deckeln, die idealerweise ein abgeklebtes Loch im Deckel haben, damit die Pilze atmen können aber nichts anderes hineinkommen kann. Wenn die Körner wieder auf Zimmertemperatur sind, kann man sie mit bewachsenem Agar animpfen – also Stückchen Agar reinschmeißen und schütteln. Das Ganze sollte dann im Dunklen aufbewahrt werden, damit das Myzel wachsen kann. Die ideale Temperatur variiert unter den verschiedenen Pilzen und Sorten. 
zu wenig Flüssigkeit -> Pilz wächst kaum

Was man dann mit den bewachsenen Körnern macht, ist eine andere Geschichte. Geerntet habe ich bisher noch nie, was aber nicht unbedingt an mir liegt, da ist mir mein Urlaub und die Pandemie dazwischen gekommen. Aber seid unbesorgt, meine Schwammerl sind in besten Händen. Daheim passt Papa und die riesige kleine Schwester drauf auf und hier in Wien die (Hobby)Gärtner meines Vertrauens. Jedenfalls kann man mit den Körnern Substrat animpfen (Körner in Substrat schmeißen und mischen). Das ideale Substrat variiert mal wieder unter den Sorten, aber gängig ist zum Beispiel Sägespäne, Pappe, Stroh, Kaffeesatz. Daheim probier ich es mit Avocadoblättern und/oder Stroh. Ich berichte über den Fortschritt, falls sich einer einstellen sollte.
Avocadobäume. Unter der Folie ist das Laub versteckt


Heute wollten wir Fischstäbchen mit Kohlrabi machen, aber den Kohlrabi haben wir etwas lang herumliegen lassen. Daraus mache ich dann morgen etwas. Stattdessen gab es Fischstäbchen mit Bohnen á la Nikolai.

Der Soletti/Kelly's Wagen ist nicht mehr zu sehen. Wir haben unsere Chance verpasst.
Eigentlich ist das ja schon interessant. Die ganze Straße hat im Erdgeschoss Läden drin, davon ca 40 % Frisöre, 30 % Juweliere, 10 % Brautmode, ein paar Super- und Drogeriemärkte und der Rest verkauft Essen. Die haben jetzt fast alle zu. Wir sehen immer wieder Leute mit Dönertüten in der Hand direkt vorm Haus. Da muss es also eine Quelle geben, aber wir sehen sie von hier aus nicht. Eigentlich werden Imbisse wie Restaurant behandelt und sollten geschlossen haben bis auf Auslieferungsdienste.

Das Wetter heute: Keine Ahnung, ich habe nicht hinausgeschaut. Ich habe auch keine Sit-ups gemacht, aber ich bin wieder in der Küche spazieren gegangen. Gleich machen wir noch einen Schwesternsingabend per Whatsapp, da werden wir bestimmt wieder "Laurentia" singen. Wenn man das singt, besagt das Grundgesetz, dass man bei jedem "Laurentia" und jedem Wochentag eine Kniebeuge machen muss. Nikolai wird wieder machtlos daneben sitzen, sich unsere Engelschöre anhören müssen und sich die ganze Zeit fragen, wieso die Genfer Konvention hier nicht greift.
Zusammenhangsloses Urlaubsfoto aus dem Linzer botanischen Garten


Da ist wieder so jemand mit lauter Musik unten in der Straße. Ich frage mich, ob sich die Selbstwahrnehmung dieser Leute geändert hat. Vom Trottel, der seine Musik nicht leise hören kann zum vermeintlichen Helden der Stunde, der dabei hilft, die Moral oben zu halten? Das einzig gute ist, dass sie mangels Verkehres auch schnell wieder weg sind. Und wie auch sonst in jeder Krise haben wir vorübergehend neue Helden: Das Krankenhauspersonal; alle Leute, die Waren und andere Leute durch die Gegend fahren; alle, die Lebensmittel etc. verkaufen; die Forscher; WG-Genossen, die man auch nach einer Woche noch erträgt. Werden Krankenschwestern und -brüder, Kassierer und Kassiererinnen deshalb mehr Lohn bekommen, wenn das alles vorbei ist? Ich bezweifle das. Noch keine Krise, die ich erlebt habe, hat das Verhalten der Leute dauerhaft geändert.

Satz des Tages: Lüg mich weiter an.

Habe soeben meine Brille geputzt und somit heute auch etwas produktives erledigt.

So ungesund das hier auch für mich ist, wenigstens trinke ich genug. Ich trinke sogar mehr Tee als Bier.
weiteres zusammenhangsloses Ulaubsfoto aus Linz: Pöstlingbergbahn


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