Freitag, 20. März 2020

Tag 5: Bald ist Wochenende



Seit Tagen denke ich, es wäre Freitag und heute ist es soweit. Nicht, dass sich dieser Tag von anderen Tagen groß unterscheiden würde, aber er läutet das Wochenende ein, wo ich dann freiwillig und unbezahlt weiterarbeiten werde. Im Ernst, was soll ich denn groß anderes machen? Ich könnte mehr lesen, aber ein paar Stunden reichen mir eigentlich. Ich kann aufhören zu arbeiten, wann ich will, aber das tu ich jetzt schon und fange dann ein, zwei Stunden später wieder an. Ich mag meine Arbeit (nur nicht an meinem Laptop) und jetzt kommt der lustige Teil, wo ich in der Diskussion versuche, irgendwelche Hypothesen zu bestätigen. Hypothesen, die ich natürlich vor den Experimenten aufgestellt habe. Bei der Vorstellung, die komplette Literatur auf diesem Bildschirm durchzuscrollen, erschließt sich mir plötzlich, warum mein Chef ausgedruckte Publikationen bevorzugt.

Erkenntnis des Tages: Es ist entspannter, ohne sequenziertes Herbarmaterial zu arbeiten. Man weiß da nie, ob die Pflanzen wirklich so lustige Abweichungen im Genom hatten, oder ob die DNA nachträglich im Herbar mutiert ist. Oder zumindest weiß ich das nie.

Ich mute euch jetzt einen Exkurs in die Botanik zu. Ich möchte nämlich über meine Arbeit reden. Die Details müsst ihr später in meinen Publikationen nachlesen – die sind eh open source. Ich bearbeite gerade Krascheninnikovia ceratoides. Das ist eine wunderbare Steppen- und Wüstenpflanze, die an Stellen wächst, wo andere Pflanzen schon lang aufgegeben haben. Die Russen nennen sie Teresken. Das hat den Vorteil, dass man nicht etwaige Unterarten unterscheiden muss. In Österreich gibt es zwei Standorte, wo sie noch vorkommt: Goggendorf und Oberschoderlee. Sie wächst dort an steilen Hängen, wo das Wasser schnell abfließt und somit nur an Aridität angepasste Pflanzen eine Überlebenschance haben. Die Pflanzen wachsen dort als kleine Büsche und sind recht haarig. In Kasachstan habe ich Teresken in der Wüste gesehen, wo die Pflanzen viel kleiner sind und einmal habe ich Teresken in einem Tal mit Fluss gesehen, wo es wie in Österreich Teresken an steilen Hängen gab – und die Pflanzen sahen auch aus wie in Österreich! Allerdings gibt es keine große genetische Ähnlichkeit zwischen den Österreichern und den Pflanzen aus diesem Tal – und noch nicht mal die gleiche Ploidie haben sie! Pflanzen sind mit den Ploidiestufen wesentlich entspannter als zum Beispiel wir Menschen. Bei uns ist meistens schon bei der Duplikation oder Translokation von einzelnen Chromosomenteilen Schicht im Schacht, während Pflanzen hemmungslos ihre Genome duplizieren können oder auch mal Chromosomen verlieren oder verdoppeln. Klar, das war jetzt verkürzt und zu einfach dargestellt, aber Pflanzen sind schon wilde Zeitgenossen.
Teresken aus Kasachstan

Teresken aus Österreich

Heute kocht schon wieder Nikolai, diesmal Spaghetti Carbonara. Eeeee una Coca Cola! Nikolai kichert immer albern, wenn ich das "singe". Ich glaube langsam, er zweifelt an meiner Karriere als Opernsängerin.



Heute saß ich bis Mittag im Schlafanzug am Rechner. Was für ein Lotterleben!

Ich frage mich, ob Nikolai manche Dinge absichtlich sagt oder tut, um es in meinen blog zu schaffen. Heute hatte er wieder einen Agapenwitz. Ich wollte wissen, ob er Petersilie und Basilikum auseinanderhalten kann und er meinte, dass die so einfach zu unterscheiden seien wie Agapen und Ginkgos. Und er saugt jeden Tag. Aber ehrlich gesagt glaube ich, dass er immer so ist. Wie gesagt, solange waren wir noch nie gemeinsam eingesperrt.

Brot ist aus. Wir gehen einkaufen. Während Nikolai noch zivilisiert erscheinen möchte und grad geduscht hat, möchte ich fremde Leute durch Eigengeruch auf 1 m Abstand halten. Bin gespannt, was heute im Supermarkt los ist.
Nicht viel.

Ich mag den (Laden) Müller eigentlich gar nicht, aber sie haben Stricknadeln. Jetzt kann ich Socken stricken.

Die Ausgangssperre wird bis Ostern verlängert. Das bedeutet, dass ich in den nächsten Wochen in meine Wohnung muss, um meine Lammbackform zu holen. Die durfte ich mir damals nur unter der Auflage unter den Nagel reißen, dass ich dann jedes Jahr Lämmer backe. Es sieht so aus, als wäre das heuer mein erstes Ostern, wo ich nicht daheim bin, aber Lämmer braucht man da trotzdem.

Ich habe Pampe gekocht. Die Pastinake musst weiter und die Roten Bete hätten es auch nicht mehr lang gemacht. Deshalb gibt es jetzt rote Pampe (Rote Bete, Pastinake, Kren, Sauerrahm, Zwiebeln und Knoblauch) und orange Pampe (Kürbis, Pastinake, Zwiebel, Knoblauch, Ingwer). Ich hätte beides pürieren können, aber ich wollte lieber mit dem Kartoffelstampfer drauf eindreschen.

2 Kommentare:

  1. Pflanzen sind so wilde Zeitgenossen, dass die auf der Party meinen betrunkenen Freund entführt haben
    Ich warte seit 2 Jahren auf den Erpresserbrief, aber ich glaube er hat die Pflanze geheiratet

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    1. Meiner möchte einen Panzer heiraten. Oder einen auf der Hochzeit haben. Keine Ahnung. Da doch lieber eine Pflanze.

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